Können Sie sich noch erinnern? Wie Ihnen, als Sie selbst noch Kind waren, Aussagen diverser alter Säcke à la „Früher war alles beseser!“ auf den Nerv ging? Tja, geht mir ganz genauso! Einziges Problem: Nunmehr bin ich selbst zum alten Sack geworden. Und ich muss zugeben, dass ich mit fortschreitendem Alter dieser Aussage durchaus einiges abgewinnen kann. Obwohl es natürlich auf den Blickwinkel ankommt. Bleiben wir beim Beispiel Motorrad: Da war früher natürlich gar nichts besser! Schlechtere Technik, weniger Leistung, schlappe Fahrwerke. Aber vielleicht waren wir selbst früher einfach besser. Oder zumindest geduldiger und nicht so verwöhnt. Heute, nach gefühlten tausend Testmotorrädern, die man im Laufe des Motorjournalistenlebens unterm Hintern hatte, holt mich nichts mehr so leicht hinterm Ofen hervor. Been there, done’ that. Ich kenne alles, vom 200PS Supersportbike, bis zum 50ccm Diskonter-Scooter aus China…

Umso freudiger fahren einem dann Überraschungsmomente ins Gebein, mit denen man in keiner Weise gerechnet hat. So geschehen mit der neuen Street Scrambler von Triumph, die im Modelljahr 2017 die bisherige Scrambler bei den so retro-afinen Briten ablöst. Wurde der Name nur um eine Silbe länger, hat sich um so mehr am Wesen der neuen Scrambler verändert. Die neue Street Scrambler ist ein massiver Evolutionsschritt, nicht nur ein laues Update.

Zunächst sieht das Bike ganz fantastisch aus! Die neue Street Scrambler hat alles, was ein Retro-Eisen dieser Güte optisch mitbringen muss. Feine Verarbeitung, selbst die Kunsstoffteile sind hochwertigst verarbeitet, das auffallendste Merkmal sind die massiven Doppelauspuffrohre auf der rechten Seite, die nicht nur hübsch aussehen sondern auch ganz famos durch die Lande brabbeln. Eine Augenweide für jeden Motorradfan, man muss hier nichts machen, das Bike sieht schon ohne Customparts eigentlich ziemlich perfekt aus.

Auch am Papier gibt sich die Street Scrambler sehr retro, denn mit 55PS aus dem 900ccm R2-Motor spielt sie die Leistungsschau moderner Nakedbikes von Anfang nicht mit, sondern will sich auf pure Fahrfreude für ihre Zielgruppe konzentrieren. Eine wachsende, teils auch wieder sehr junge Zielgruppe, die Leistung und Hightech hintan stellt. Menschen denen es um die reine Lust am Motorrad(fahren) geht und für die Stil, Individualität und Lifestyle mehr zählt, als sich mit 160 PS am Hinterrad und in Cyborg-Verkleidung mit schwerem Gerät auf den Pässen dieser Welt in die uniforme Masse an üblichen Verdächtigen einzureihen.

Auf den ersten Blick ist die neue Street Scrambler also das klassische Style-Objekt, mit dem man sich die eine oder andere Fahrt ins Grüne gönnt, aber vor allem vor dem Eissalon den würdigen Auftritt pflegen möchte. Und hier setzt dann allerdings das eingangs erwähnte Überraschungsmoment ein. Denn der erste lange Ausritt mit der neuen Street Scrambler offenbart ein wesentlich anderes Gesamtbild.

Die ersten Kilometer auf gewundener Bergpartie treiben mir ein breites Grinsen ins Gesicht. Denn von den eher mauen 55PS am Papier ist hier rein gar nichts mehr zu vernehmen. Die Briten holen nämlich aus dem 900ccm-Twin satte 80 Nm Drehmoment heraus, die mehr oder weniger ab unterster Drehzahl abrufbar sind. Hat man mal ein Gespür für die Drehmomententfaltung entwickelt, zieht einen die Street Scrambler nachhaltig und auf Wunsch nicht unsportlich über den Asphalt. Hinzu kommt ein höchst erwachsenes und modern abgestimmtes Fahrwerk, das selbst massiv schlechte Oberflächen mit stoischer Ruhe bügelt und eine für mich unerreicht entspannte Sitzposition, die mich selbst nach einem 620 Kilometer-Trip höchst entspannt und ohne jeglichen Schmerz am Allerwertesten oder im Schulterbereich abstiegen ließ.

Fasst man Vertrauen in dieses mehr als gelungene Gesamtkonzept und lässt das Motorrad arbeiten, dann ist dieses vermeintliche Retrobike brandgefährlich für so manchen PS-Jünger auf japanischem Nackt-Gerät oder den ambitionierten Forscher auf der 160PS Großenduro.

Doch auch der Namensgebung bleibt die neue Street Scrambler durchaus treu, denn vorzüglich bewegt sie einen nicht nur auf der Straße, sondern auch im leichten Gelände. Dort wo der Name Scrambler ja bekanntlich auch seinen Ursprung nahm, macht die Street Scrambler mindestens genauso viel Spaß. Diesem Einsatzgebiet entsprechend kann man ABS wie auch Traktionskontrolle abschalten und sogar auf der Flat-Track Strecke ohne große Mühe mithalten.

Ganz klar: Mehr Leistung, umfangreichere Ausstattung und diverse Elektronik Spielerein kann man heute am Motorrad haben, doch ehrlicherweise braucht man all das nicht wirklich, wie mir die neue Street Scrambler von Triumph eindrucksvoll beweisen konnte.

Triumph Street Scrambler

Motor: R2-Motor Hubraum: 900ccm Leistung: 40,5 kW / 55 PS Drehmoment: 80Nm / 2.850 U/min Spitze: ca. 180 Km/h Gewicht (fahrfertig): 223 kg Tankinhalt: 12l Testverbrauch: 4,6 l/100km Preis: € 11.400

www.triumphmotorcycles.at

Location: Region Emilia

Transportation: Mercedes Sprinter 316

Text: Gregor JOSEL Fotos: Michael ALSCHNER

Pin It on Pinterest

Share This